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Vikarin gibt Tipps

Was zeichnet eine gute Predigt aus?

Eine gute Predigt fesselt nicht nur, sie nährt unsere Seele. Doch wie schreibe ich überhaupt eine gute Predigt? Vikarin Viola Minge erzählt, wie ihre Predigten immer besser werden.

von Andrea Seeger

Viola Minge ist Vikarin und kann sich noch sehr genau an ihre erste Predigt erinnern. „Ich war total aufgeregt“, sagt sie. „Die Treppen bin ich im Talar hochgestolpert, die ganze Zeit hing mir eine Lampe vor der Nase, das habe ich gar nicht bemerkt.“ Jetzt, nach dem Vikariat, verhalte es sich ganz anders. Denn in der praktischen Ausbildung haben sie und ihre Kommilitoninnen und Kommilitonen viel gearbeitet, unter anderem auch gelernt, gut zu predigen.

 

Der erste Satz der Predigt muss sitzen: „Haben Sie schon mal ein Schaf gebraten?“

Wie beginne ich eine gute Predigt? Die 27-Jährige hat da ein Beispiel aus ihrer Ausbildung. Einmal, erzählt Viola, hätten sie in der Kirche reihum nur die ersten zehn Sätze ihrer Predigten gehört. „Haben Sie schon mal ein Schaf gebraten“, habe ihr erster Satz gelautet.

Viola möchte neugierig machen auf das, was kommt, möchte nicht zu erwartbar sein. Sehr gerne erzählt sie in Miniaturen, in kleinen Geschichten: „Ein Mann steht im Garten, gräbt in der Erde und verliert seinen Ehering.“ Das sei zum Beispiel ein Anfang für eine ihrer Predigten gewesen.

 

Inspiration für die Predigt: Viola denkt beim Joggen über den Text nach

Für die angehende Pfarrerin ist es wichtig, sich  lange mit dem Text zu beschäftigen. Sie liest ihn, notiert sich erste Gedanken. Dann ordnet sie den Text exegetisch ein. Das heißt, sie schaut in den Urtext. „Manchmal bleibe ich an einem Wort hängen“, erklärt die Westerwälderin. Das altgriechische Wort pneuma zum Beispiel kann Geist, Hauch, Luft oder Atem bedeuten.

Was das für den Predigttext heißt, darüber denkt sie am liebsten draußen nach, beim Spazierengehen oder Joggen.

 

Beispiel für neue, andere Zugänge von alten Bibelgeschichten

Die Ausbildungsstätte für Vikare der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) liegt in einem Schloss in Herborn. Im Theologischen Seminar haben sie in Kleingruppen an Texten gefeilt. „Das hat mir sehr gut gefallen“, sagt Viola. Es klingt ein bisschen wehmütig. Die Arbeit in der Gruppe hat ihr schon sehr zugesagt.

Es geht ihr um neue, um andere Zugänge. Zum Beispiel bei der Geschichte vom Zöllner Zachäus. Nach Lukas 19, 1-10 war Zachäus ein „Oberster der Zöllner“ und „Reicher“. Im Kontrast dazu war er „klein von Gestalt“: Er kletterte auf einen Maulbeerbaum, um den von einer Volksmenge erwarteten Einzug Jesu in die Stadt beobachten zu können.

 

In den Baum klettern und die Perspektive wechseln

Völlig überraschend begrüßt Jesus ihn im Vorbeigehen mit seinem Namen und kehrt dann in sein Haus ein, verweilt bei einem Sünder. Weil Jesus so handelt, ändert Zachäus sein ganzes Leben und gelobt vor Gott, die Hälfte seines Besitzes an die Armen zu geben sowie geraubtes Gut vierfach zu erstatten.

 

Kernaussage für Predigt finden

Viola Minge kommt es bei dem Text darauf an, dass der Zöllner seine Perspektive ändert – er selbst, in dem er auf den Baum klettert. Kernaussage ihrer Predigt: Es hilft manchmal, die Perspektive zu ändern, Gott macht mit, eröffnet neue Blickwinkel. Da könne sich jeder fragen: Wo sind meine Zachäus-Momente im Leben?

 

Fokus in die Predigt bringen: „Kill your darlings“

In Herborn haben die Nachwuchs-Pfarrerinnen und -Pfarrer gelernt, elementar zu predigen: in einfachen, wenigen Worten ohne Nebensätze zu formulieren. „Das war spannend“, findet sie. Und natürlich kennt sie seit ihrer Ausbildung den Spruch „kill your darlings“. Er bedeutet, sich von seinen Lieblingen, in diesem Fall seinem Wissen, zu trennen.

Video: Wie lernen Pfarrerinnen und Pfarrer alles, was wie wissen müssen?

 

Nicht nur gut formulieren: Mit Sprechtraining die Stimme fürs Reden vorbereiten

Eine Geschichte genügt. „Ich muss lernen, darauf zu verzichten, jetzt noch fünf exegetische Dinge zu erzählen“, bekennt sie. Das sei herausfordernd, aber sie arbeite dran. Gut getan habe ihr das Sprechtraining mit einer Logopädin. Sie nutze jetzt die Resonanzräume, „sonst merke ich nach zwei Gottesdiensten meine Stimme“.  

 

Wichtige Vorabüberlegung: Wo halte ich meine Predigt?

Bei einer Predigt komme es auch auf den räumlichen Zusammenhang an. Spricht Viola draußen? Oder in einer Kirche? Ist es am Morgen oder am Abend, hell oder dunkel? Das alles spiele eine Rolle.

Sie suche sich ihren Platz zum Predigen genau aus und steht oft unten auf Augenhöhe. So stelle sie Blickkontakt mit den Gottesdienstteilnehmern her. Sie spreche meistens zehn bis zwölf Minuten, das sei aber bei jedem unterschiedlich. Am Ende, sagt sie, muss nicht alles perfekt sein. „Wir leben fragmentarisch“, begründet sie. Sie findet es gut, wenn Menschen über das Gehörte weiter nachdenken können.

 

Ein bisschen Angst davor, dass nichts einfällt

Was absolut nicht und bei keinem ginge, sei ein Von-oben-herab-Stil. Ein bisschen Angst hat Viola Minge davor, zu wenig Zeit zum Vorbereiten zu haben, wenn sie im Juni ihren Vorbereitungsdienst beginnt. „Im Vikariat habe ich durchschnittlich einmal im Monat gepredigt, das wird natürlich mehr“, sagt sie. 

Aber sie weiß schon, was sie tun wird, wenn ihr nichts einfallen sollte zu einem Text: sich bewegen, mit Kolleginnen austauschen, mit ihrem Partner sprechen. 

Info: Für Berufe mit Sinn gibt es die Website machdochwasduglaubst.de

 

Dieser Text ist ein redaktioneller Beitrag von indeon.de – dem digitalen Portal der Evangelischen Sonntags-Zeitung. Das unabhängige publizistische Portal für Hessen und Rheinland-Pfalz zeigt die Vielfalt des Lebens, gibt Orientierung und sucht die Debatte rund um gesellschaftliche und kirchliche Themen.

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